von Jana Ballhaus
Der Kampf um das Internet ist in vollem Gange. Big-Tech-Konzerne entwickeln sich immer schneller zu einer Gefahr für die Demokratie. Das geht auch am Grimme Online Award nicht spurlos vorbei.
Die kommerziellen Plattformen, die diese Unternehmen bereitstellen, begrenzen künstlich, wie Online-Publizistik gestaltet sein darf. Ihre Algorithmen stellen ganz konkrete Anforderungen an die Gestaltung der Inhalte; viele Plattformen schränken Verlinkungen auf externe Webseiten stark ein. Damit verhindern sie, dass das Potenzial des Internets für herausragende Publizistik voll ausgeschöpft wird.
Alternative Angebote wie das dezentrale Fediverse, das im vergangenen Jahr einen Grimme Online Award erhalten hat, spielen noch keine herausragende Rolle. Dennoch ist in diesem Jahr mit „KI und Koffein“ erstmals ein Angebot nominiert, das auf Mastodon beheimatet ist. Auch einige andere Nominierte betreiben zumindest eine eigene Präsenz im Fediverse, etwa die Redaktion des „Volksverpetzer“, die ihre Inhalte zusätzlich auch über eine eigene App bereitstellt.
Vom Kampf um das Netz zeugt auch die verhältnismäßig hohe Zahl der Nominierungen in der Spezial-Kategorie. Die Initiative zur Rettung des Informationsfreiheitsgesetzes ist der Kommission ein Anliegen, weil die Einreichungen in den vergangenen Jahren gezeigt haben, wie viel herausragende Online-Publizistik aus Recherchen mithilfe von IFG-Anfragen entsteht. Der Digital Independence Day liefert niedrigschwellige Angebote, um zumindest die individuelle Abhängigkeit von großen Tech-Konzernen zu verringern. Das Projekt BarrierenWatch setzt sich für etwas eigentlich Selbstverständliches ein: die Durchsetzung von geltendem Recht, nach dem Webseiten von Behörden barrierefrei sein müssen. Weil sie das nicht sind, können hier Barrieren schnell und einfach gemeldet werden.
In der Masse liegt der Fokus der Einreichungen weiter auf Instagram, TikTok und YouTube. Immer wieder gelingt es hier Einzelkämpfern und Redaktionen, aus begrenzten technischen Mitteln viel herauszuholen. Sorgen macht die deutlich spürbare Anpassung der Inhalte an Plattformlogiken, die zwar für Reichweite sorgt, aber gelegentlich zulasten der inhaltlichen Qualität geht. Plattformen mit kleineren, aber sehr aktiven Communitys, wie etwa die Streamingplattform Twitch, versprechen neue Zielgruppen und stärkeren Austausch mit dem Publikum. Bislang werden sie aber nur vereinzelt genutzt, etwa von der ARD, die in diesem Jahr mit dem „Game Jam“ die Chance auf einen Preis hat.
Thematisch sind die Nominierungen in diesem Jahr bunt gemischt. Ostdeutschland, Rechtsextremismus, Klimakrise, Künstliche Intelligenz, Feminismus: Zu all diesen Themen gab es mehrere Einreichungen von hoher Qualität. Weiterhin unterrepräsentiert ist der Blick aufs Ausland; anders als im vergangenen Jahr spielten selbst die Kriege und Krisen im Nahen Osten kaum eine Rolle.
Künstliche Intelligenz hat sich als Objekt von Journalismus etabliert und wird intensiv besprochen. Als Werkzeug für Online-Publizistik fristet sie aber nach wie vor ein Nischen-Dasein. Zwar kamen bei der Bereitstellung der NSDAP-Mitgliederkartei durch mehrere Medienhäuser KI-Systeme zum Einsatz. Das bleibt aber bislang die Ausnahme. Rein KI-generierte Projekte erreichen oft nicht die Schöpfungshöhe, die für eine Nominierung nötig wäre. Das kann auch daran liegen, dass die Technologie – so weit von außen erkennbar – oft vor allem eingesetzt wird, um Projekte allein stemmen zu können, für die man früher ein Team gebraucht hätte.
Erinnerungskultur und Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit – vor allem der NS-Zeit und der DDR – spielen weiterhin eine große Rolle. Hier haben aber zahlreiche herausragende Preisträger*innen der vergangenen Jahre die Hürden für eine Nominierung hochgelegt.
Auch Barrierefreiheit hat sich als wichtiges Thema etabliert. Leider haben viele Einreichungen in diesem Bereich selbst Mängel. Kontrastarme Webseiten, fehlende Untertitel oder komplexe Sprache schließen oft große Zielgruppen aus. Ein Beispiel, wie es gehen kann, ist der Podcast „Sitzengeblieben – von Kristina Vogel“, der mit Beschreibungen und Transkripten, die auch in leichter Sprache verfügbar sind, so vielen Menschen wie möglich den Zugang zu den Inhalten ermöglichen möchte.
Erfreulich waren in diesem Jahr mehrere preiswürdige Angebote für Kinder und Jugendliche, beispielsweise der Podcast „Fakt oder Future“ des Deutschen Technikmuseums, oder der Hör-Comic „Der Vorgang“, der über Schwangerschaftsabbrüche aufklärt. Dennoch bräuchte es mehr Angebote für junge Menschen, die im Netz immer noch zu oft mit ungeeigneten Inhalten konfrontiert sind.
Wie ein mögliches Gegenmittel aussehen könnte, zeigt der YouTuber marcant, der mit Jugendlichen, die in die rechtsextreme Szene abgedriftet sind, das Gespräch auf Augenhöhe sucht. Sein Vorgehen, von rechten Demos und aus rechten Internetbubbles zu berichten, hält die Kommission für publizistisch innovativ. Sein Erfolg spricht für sich: Laut eigenen Angaben haben schon hunderte Jugendliche dem YouTuber berichtet, dass sie wegen ihm die rechte Szene verlassen haben. Allein das verdient nach Ansicht der Kommission eine Nominierung für den Grimme Online Award.
Die Nominierungskommission dankt allen Menschen, die interessante und innovative Vorschläge für den Grimme Online Award eingereicht haben. Die Vielfalt der Online-Publizistik macht die Sichtung zu einer bereichernden Tätigkeit. Ein weiterer Dank gilt dem Team des Grimme-Instituts für die hervorragende Vorbereitung.